Ein Kommentar zur Lage des ID-Judo in Deutschland
Albert Einstein prägte einst den Satz: „Es ist schwieriger, eine vorgefertigte Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Eine bittere Wahrheit – besonders im deutschen Behindertensport. Denn wer heute den Mut hat, für geistig behinderte Athletinnen und Athleten einzutreten, trifft auf eben solche Meinungen: festgefahren, ablehnend, mitunter zynisch.
In Deutschland wird Judoka mit geistiger oder kognitiver Einschränkung bis heute systematisch die Teilnahme an den Paralympischen Spielen verwehrt – obwohl sie auf internationaler Bühne längst bewiesen haben, was sie leisten können. Beispiele dafür sind Victor Gdowczok, Weltmeister im ID-Judo, mehrfacher internationaler Titelträger und Mensch mit Down-Syndrom. Ben Musaeus, Vizeweltmeister ID-Judo mehrfacher internationaler Titelträger und Mensch mit Down-Syndrom. Valentin Freitag ID-Judo Platz 3 bei den Weltmeisterschaften ID-Judo und Mensch mit Down-Syndrom. Und doch: Kein Start bei den Paralympics, kein offizieller Platz im paralympischen Kader. Warum?
Blockade durch Funktionäre – Schweigen durch Verbände
Bestimmte Funktionäre im Deutschen Behindertensportverband (DBS), insbesondere im Bereich Para-Judo, treten offen gegen die Anerkennung von ID-Judoka auf paralympischer Ebene ein. Allen voran Günter Geist, Abteilungsleiter Para-Judo im DBS, der laut internen Aussagen „keine Zukunft für ID-Judo bei den Paralympics“ sieht. Kooperationen mit den relevanten internationalen Organisationen werden aufgekündigt, Athlet*innen ignoriert, inklusive Entwicklungen blockiert.
Der DBS schweigt. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) bleibt vage. Und die Athlet*innen? Sie kämpfen. Für Sichtbarkeit. Für Gerechtigkeit. Für Teilhabe.
Ein Land, das ausschließt, verrät seine Werte
Was sagt es über unser Land aus, wenn geistige Behinderung wieder zum Ausschlusskriterium wird? Wenn ausgerechnet in einem System, das für Inklusion, Gerechtigkeit und Chancengleichheit stehen will, genau die Menschen ausgeschlossen werden, für die es einst geschaffen wurde?
Diese Haltung ist diskriminierend. Sie entmutigt. Sie verletzt. Und sie verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland ratifiziert hat.
Zeit für Veränderung – jetzt
Der Ruf nach Veränderung wird lauter. Eltern, Betreuer, Organisationen wie die IFoN.World oder der VG-Project e.V. fordern: Anerkennung des ID-Judo als vollwertige paralympische Disziplin. Gleichstellung aller Athlet*innen – unabhängig von Art der Behinderung. Transparente Förderstrukturen. Und ein Ende der Blockadepolitik durch Funktionäre, die längst aus der Zeit gefallen sind.
Es geht nicht um Mitleid. Es geht um Würde, Recht und Respekt. Es geht um Sport als Raum der Begegnung, des Wachstums – für alle. Wer diesen Raum nur denjenigen öffnet, die einem normierten Leistungsbild entsprechen, hat den Kern des paralympischen Gedankens nicht verstanden.
Schluss mit der Doppelmoral!
Die Paralympischen Spiele dürfen nicht zu einem exklusiven Club werden, in dem geistige Behinderung als „nicht attraktiv“ oder „nicht vermittelbar“ ausgegrenzt wird. Es ist Zeit, das atomare Gitter vorgefertigter Meinungen zu sprengen. Für eine inklusive, faire und mutige Sportlandschaft.
Autor: Klaus Gdowczok
Präsident IFoN.World – Internationale Föderation der gesetzlichen Vertreter von Menschen mit geistiger und kognitiver Behinderung im Sport