Der Preis des Vergessens

ehemaliger integratives & gemeinnütziger Sportcampus BUSHIDO +01.07.2020 und ID-Judo Leistungszentrum

Warum Köln mit dem Sportcampus BUSHIDO mehr verlor als eine Sporthalle – und warum die Stadt jetzt handeln muss

Ein Gastbeitrag von Klaus Gdowczok – Präsident IFoN.World


Es gibt Orte, die man erst begreift, wenn sie fehlen.

Man geht an ihnen vorbei, jahrelang, ohne sie wirklich zu sehen. Man hält sie für selbstverständlich. Bis sie verschwinden. Und dann, erst dann, merkt man: Da war nicht einfach eine Halle. Da war ein Herz.

2022 verschwand der Sportcampus BUSHIDO aus dem Kölner Stadtbild. Auf dem Papier eine Verwaltungsentscheidung. In Wahrheit die Auslöschung eines der wirkmächtigsten sozialen Ökosysteme, das diese Stadt je hervorgebracht hat.

Der Ort, an dem eine Weltmeisterschaft geboren wurde

Para-Judo Athletinnen und Athleten mit und ohne Behinderung beim Training
(c)PerNick

Der Sportcampus BUSHIDO war nicht irgendein Austragungsort. Er war der Geburtsort – die Wiege, aus der heraus die historisch erste Weltmeisterschaft im ID-Judo überhaupt entstehen konnte. Hier wurde die Idee geboren, hier wurde sie vorbereitet, hier wurde sie möglich gemacht. Als internationales Trainingszentrum bereitete der Campus Athletinnen und Athleten gezielt auf die Weltmeisterschaft 2017 und die Europameisterschaft 2019 in Köln vor – zwei Ereignisse, die para-sportliche Geschichte schrieben, und beide hatten hier, in diesen Hallen, ihren eigentlichen Ursprung.

Das allein wäre schon Grund genug, diesen Ort als das zu behandeln, was er war: ein Stück gelebter Sportgeschichte mit internationaler Strahlkraft.

Aber es ist nicht einmal die halbe Geschichte.

Mehr als Sport – ein Ort, an dem die Stadt sich selbst begegnete

Der Sportcampus BUSHIDO war ein sportgesellschaftlicher Treffpunkt von evident großer Breitenwirkung. Über 450 Athletinnen und Athleten aus 42 Nationen. Weltmeister neben Anfängern. Menschen mit und ohne Behinderung. Kinder neben Senioren. Nicht nebeneinander. Miteinander.

Doch der Campus war zugleich etwas, das weit über den Sport hinausreichte: eine Bühne. Ein Kommunikationsort für die gesamte Stadtgesellschaft.

Hier, genau hier, konnten junge Politikerinnen und Politiker sich selbst und ihre Ideen zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit vorstellen – unabhängig von ihrer parteipolitischen Couleur. Serap Güler von der CDU. Elfi Scho-Antwerpes von der SPD. Menschen unterschiedlichster politischer Herkunft fanden hier denselben Boden, denselben Raum, dieselbe Offenheit. Nicht auf einem Podium mit vorbereiteten Reden. Nicht hinter Rednerpulten. Sondern mitten unter Menschen, an einer Theke, im Gespräch, in echter Begegnung.

Das ist keine Randnotiz. Das ist der Kern dessen, was Demokratie im Alltag bedeutet: Orte, an denen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Überzeugung und Fähigkeit auf Augenhöhe begegnen – bevor Ämter, Titel oder Parteibücher etwas zählen.

Was die Wissenschaft längst bestätigt

Soziale Resilienz – die Fähigkeit einer Gemeinschaft, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen – entsteht nicht in Amtsstuben. Sie entsteht dort, wo Menschen sich informell begegnen. Die Forschung nennt das seit Ray Oldenburg „Third Places“ – Orte jenseits von Zuhause und Arbeit, die schwache Bindungen erzeugen und genau dadurch heterogene Gruppen zusammenhalten.

Die Evidenz ist eindeutig. Städte mit dichten Third-Place-Strukturen erholen sich schneller von Krisen. Gemeinschaftliche Sportangebote korrelieren mit weniger psychischer Belastung, besserer Integration von Menschen mit Behinderung und Migrationsgeschichte, geringerer Isolation. Das ist keine Meinung. Das ist Metaanalyse.

Der Sportcampus BUSHIDO war genau das – nicht in der Theorie, sondern im gelebten Alltag, jeden Tag, über Jahrzehnte gewachsen.

Und trotzdem verlor er gegen andere Interessen. Wie fast immer.

Die unbequeme Frage

Es bleibt zu fragen: Warum trifft eine Stadt, die sich öffentlich „inklusiv“ und „resilient“ nennt, ausgerechnet die Entscheidung, einen Ort zu opfern, der genau das täglich bewiesen hat – ohne öffentliche Rechenschaft, ohne Sozialverträglichkeitsprüfung, ohne Debatte?

Was 2022 verschwand, war kein Gebäude. Es war ein Ort, an dem Vertrauen entstand, bevor es ein Förderprogramm dafür gab. Ein Ort, an dem Inklusion nicht erklärt, sondern gelebt wurde. Ein Ort, an dem eine Weltmeisterschaft geboren wurde – und mit ihr die Hoffnung Hunderter Athletinnen und Athleten mit Behinderung, dass ihre Leistung zählt.

Für Menschen mit Behinderung wiegt dieser Verlust doppelt. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet Deutschland in Artikel 30 ausdrücklich zur Förderung der Teilhabe am Sport – nicht als Lippenbekenntnis, sondern als einklagbare Verpflichtung. Ein Sozialraum, der genau diese Teilhabe täglich lebte und international sichtbar machte, wurde ohne erkennbare Folgenabschätzung geopfert. Für eine Umweltverträglichkeitsprüfung gibt es feste Standards. Für den Verlust sozialer und para-sportlicher Infrastruktur gibt es keine.

Und heute?

Heute ist die Fläche hoch profitabel an einen privaten Investor vergeben – vermietet an den Online-Lieferdienst Flink.

Sicher auch ein sehr wichtiges, im Sinne der Stadtgesellschaft wertvolles Unternehmen, möchte man meinen.

Die Frage, die man stellen darf und stellen muss, lautet schlicht: Wiegt ein Lieferrad-Depot wirklich schwerer als 450 Athletinnen und Athleten aus 42 Nationen und Ihrer Familien und Freunde? Wiegt eine Gewerbemiete wirklich schwerer als der Geburtsort einer Weltmeisterschaft? Man wird sie ja wohl noch stellen dürfen.

Die Nachbarschaft der Vernichtung

Ausgerechnet an dieser Stelle schließt sich ein Kreis, den man kaum satirischer erfinden könnte. Denn nur wenige Schritte entfernt liegt ein zweites Kölner Verwaltungswerk von, sagen wir, vergleichbarer Größenordnung: der Kölner Großmarkt.

Fast ein Jahrhundert lang war er die Notversorgungsstruktur für ganz Köln – der Ort, an dem Bauern aus der Kölner Bucht ihre Ware direkt an Händler und über sie an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt brachten. Unabhängig von globalen Lieferketten. Krisenfest. Regional. Zum 31. Dezember 2025 wurde dieser Betrieb per Ratsbeschluss ersatzlos eingestellt, um Bauland für die „Parkstadt Süd“ freizumachen. Wieder ein Verwaltungsakt. Wieder im Namen der Zukunft. Wieder ohne den Nachweis, dass die entstehende Lücke durch irgendetwas gleichwertig gefüllt würde.

Was blieb, ist vielerorts auf dem Gelände nicht mehr als eine Abrissruine ohne erkennbare Zukunft. Und ausgerechnet die großen Bauinvestoren, auf die die Stadt für die Parkstadt Süd angewiesen wäre, halten sich auffällig zurück – Köln gilt in der Branche längst als einer der schwierigsten Verwaltungspartner Europas. Die eigene Verwaltungsvision steht damit vor einem hausgemachten Handicap, das sie sich in weiten Teilen selbst geschaffen hat.

Zwei Orte. Zwei Verwaltungsakte. Zwei Mal dieselbe Überschrift: Vernichtung. Einmal die Vernichtung eines sozialen, inklusiven, international sichtbaren Sportökosystems. Einmal die Vernichtung einer jahrzehntealten, krisenfesten Lebensmittelversorgung direkt vom Erzeuger. Beide Male dasselbe Muster: Entscheidung ohne Folgenabschätzung, Rhetorik von Zukunft und Nachhaltigkeit, und am Ende eine Fläche, die niemandem mehr dient – außer, im besten Fall, einem Lieferdienst oder einem Bauschild.

Was jetzt zu tun ist

  1. Sozialverträglichkeitsprüfungen vor jeder Umnutzung von Sport- und Begegnungsräumen – verbindlich, nicht freiwillig.
  2. Schutzstatus für Third Places als kritische Infrastruktur, gleichrangig mit Schulen und Bibliotheken.
  3. Partizipative Planung, die betroffene Communities einbezieht, bevor Entscheidungen fallen – nicht danach.
  4. Anerkennung der historischen Bedeutung: Orte, an denen internationale Sportgeschichte für Menschen mit Behinderung geschrieben wurde, verdienen Schutz, keine Beliebigkeit.

Die Reaktivierung des Sportcampus BUSHIDO ist deshalb keine nostalgische Forderung eines einzelnen Vereins. Sie ist die Rückgewinnung eines Geburtsortes – eines Ortes, an dem eine Weltmeisterschaft, eine Europameisterschaft und unzählige politische wie gesellschaftliche Begegnungen ihren Anfang nahmen.

Der Auftrag

Köln braucht Wohnungen. Köln braucht Schulen. Das steht nicht zur Debatte.

Aber eine Stadt, die den Ort preisgibt, an dem sie ihre eigene inklusive Zukunft am glaubwürdigsten bewiesen hat, verspielt mehr als Quadratmeter. Sie verspielt Vertrauen. Sie verspielt Geschichte. Sie verspielt die Möglichkeit, zu zeigen, dass Teilhabe für sie mehr ist als ein Wort auf einem Förderantrag.

Der Sportcampus BUSHIDO war der Beweis, dass Inklusion funktioniert, wenn man ihr Raum gibt. Sein Verlust ist der Beweis, dass dieser Raum jederzeit wieder entzogen werden kann – ohne Rechenschaft, ohne Prüfung, ohne öffentliche Debatte.

Genau das darf sich nicht wiederholen. Nicht in Köln. Nicht anderswo.

Die Frage ist nicht, ob eine Stadt sich soziale Resilienz leisten kann. Die Frage ist, ob sie sich die Vernichtung ihrer eigenen Geburtsorte und Versorgungsstrukturen noch länger leisten will.


phoenix-voice – Investigativer Journalismus für Menschenrechte im Sport

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